Studie „Wenn man uns fragen würde …“ – Was junge Menschen über Social Media denken

Die Diskussion um ein mögliches Verbot von Social Media für unter 16-Jährige wird seit einiger Zeit intensiv geführt – meist von Erwachsenen. Doch wie erleben Jugendliche selbst soziale Medien? Welche Chancen sehen sie, welche Risiken beschäftigen sie? Genau diesen Fragen geht die qualitative Studie „Wenn man uns fragen würde …“ nach, die vom AWO Bundesverband beauftragt und vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. durchgeführt wurde.

Ziel und Methodik der Studie

Ausgangspunkt der Studie war die gesellschaftliche und politische Debatte über Altersbeschränkungen für soziale Medien. Ziel war es, die Perspektiven junger Menschen sichtbar zu machen und ihre Stimmen in die Diskussion einzubringen.
Die Studie basiert auf leitfadengestützten Gruppeninterviews mit rund 30 Jugendlichen und jungen Menschen ab 14 Jahren. In einem offenen, dialogischen Setting konnten die Befragten ihre Erfahrungen, Einschätzungen und Wünsche rund um Social Media schildern.

Potentiale und Risiken von Social Media

Positive Erfahrungen mit Social Media

Nahezu alle Befragten berichten von täglichen positiven Erfahrungen mit Social Media. Dazu gehören vor allem das Anschauen lustiger oder informativer Videos, das Teilen von Inhalten mit Freund*innen sowie der Austausch über Messenger und soziale Netzwerke.
Social Media wird zudem als Informationsquelle genutzt. Plattformen wie TikTok dienen vielen Jugendlichen als Alternative zu klassischen Suchmaschinen. Inhalte werden als schnell zugänglich, kompakt und ansprechend beschrieben – insbesondere, wenn es um aktuelle Themen oder Alltagswissen geht.
Die Befragten benennen auch humorvolle Inhalte auf den Plattformen als bereichernd. Insbesondere lustige Kurzvideos werden im Freundeskreis herumgeschickt und es wird gemeinsam darüber gelacht.

Erlebte Gefahren auf Social Media

Neben den positiven Aspekten benennen die Jugendlichen jedoch auch eine Vielzahl belastender Erfahrungen. Viele berichten von negativen Auswirkungen auf ihre Aufmerksamkeitsspanne sowie auf ihr psychisches Wohlbefinden. Social Media wird mit Stress, Angstgefühlen und ständiger Ablenkung in Verbindung gebracht.
Ein weiterer kritischer Punkt sind gefährliche Trends und Challenges, die sich schnell verbreiten und hohe Reichweiten erzielen.
Besonders deutlich wird die Kritik am unzureichenden Jugendschutz auf vielen Plattformen. Die Befragten berichten, dass ihnen regelmäßig gewaltverherrlichende, pornografische, verstörende oder extremistische Inhalte angezeigt werden. Auch der sichtbare Konsum und Verkauf von Drogen auf Social Media wird thematisiert.
Darüber hinaus schildern einige Jugendliche Kontaktaufnahmen durch fremde Erwachsene, die sich als Gleichaltrige ausgeben. Teilweise kam es zu Drohungen oder Aufforderungen zu Treffen im realen Leben.
Ein weiteres Problem ist die unkontrollierte Verbreitung persönlicher Daten, etwa von Telefonnummern oder Bildern, insbesondere in WhatsApp- oder Snapchat-Gruppen.
Kritisch sehen die Jugendlichen auch das sogenannte „Sharenting“: das Teilen von Kinderfotos durch Eltern oder Verwandte. Viele befürchten, dass solche Inhalte den betroffenen Kindern später schaden oder zu unangenehmen Situationen führen könnten.

Haltung zum Social-Media-Verbot

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass sich die Jugendlichen nicht eindeutig für oder gegen ein Social-Media-Verbot positionieren. Stattdessen differenzieren sie sehr genau zwischen unschädlichen und problematischen Inhalten und Nutzungsformen.
Viele der Befragten erkennen die Risiken sozialer Medien klar an und äußern den Wunsch, jüngere Kinder besser vor schädlichen Inhalten zu schützen. Gleichzeitig betonen sie, dass soziale Medien für sie selbst ein fester Bestandteil ihres Alltags und ihrer sozialen Teilhabe sind.

In der Frage nach einem Mindestalter sprechen sich viele Befragte für 14 Jahre aus. Begründet wird dies unter anderem damit, dass Jugendliche ab diesem Alter strafmündig sind und bis dahin bereits grundlegende Medienkompetenzen erworben hätten.
Einzelne Stimmen plädieren für ein Mindestalter von 16 Jahren, äußern jedoch Zweifel, ob dies nicht zu spät sei. Der Wunsch nach Austausch mit Gleichaltrigen und sozialer Teilhabe entstehe häufig schon früher.
Vorschläge für ein niedrigeres Mindestalter, etwa 9 oder 12 Jahre, werden von den Befragten überwiegend kritisch gesehen.

Interessant ist zudem die differenzierte Bewertung einzelner Plattformen: Snapchat wird häufig als vergleichsweise harmlos eingeschätzt, da es primär dem Austausch mit Freund*innen diene. Plattformen wie Instagram, Reddit oder X gelten hingegen als riskanter, weil Inhalte dort weniger stark gefiltert werden würden und problematische Inhalte leichter zugänglich wären.

Alternativen zu Verboten

Ein generelles Verbot von Social Media wird von vielen Jugendlichen kritisch gesehen, da es aus ihrer Sicht wichtige positive Aspekte wie Austausch, Information und Teilhabe einschränken würde.
Als Alternativen nennen die Befragten unter anderem Zeitbegrenzungen, um exzessive Nutzung einzudämmen und eine Inhaltsregulierungen auf Plattformebene.
Dabei betonen sie ausdrücklich die Verantwortung der Eltern, etwa durch das Einrichten von Zeitlimits auf Geräten. Gleichzeitig sehen sie auch die Plattformbetreiber in der Pflicht, sichere Rahmenbedingungen zu schaffen.

Fazit: Verbot? Jein!

Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Die befragten Jugendlichen sprechen sich mehrheitlich gegen ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige aus. Ein Mindestalter von 14 Jahren wird von vielen als sinnvoll erachtet, da ab diesem Alter eine gewisse Reife und Medienkompetenz vorhanden sei.

Statt pauschaler Verbote wünschen sich die Jugendlichen jedoch wirksame Zeit- und Inhaltsregulierungen, einen Ausbau von Medienbildung, die gezielte Förderung von Medienkompetenz sowie eine stärkere Einbindung von Eltern und Plattformbetreibern.

Die Studie macht deutlich: Wenn junge Menschen gefragt werden, äußern sie reflektierte, differenzierte und verantwortungsbewusste Positionen. Ihre Perspektiven bieten eine wichtige Grundlage für eine sachliche und konstruktive Debatte über den Umgang mit Social Media.

Hier geht es zur Studie „Wenn man uns fragen würde…“.