Für viele Menschen auf der Welt ist Fußball nicht nur eine Sportart, sondern gehört zu den wichtigsten Teilen ihres Lebens. Fußball bedeutet Leidenschaft, Gemeinschaft und das Erleben von gemeinsamen Erinnerungen mit Freunden. Fankulturen können damit wichtige s
oziale Funktionen erfüllen. Gleichzeitig gibt es Gruppierungen innerhalb der Fußballszenen, welche mit Ausgrenzung, Gewalt oder extremistischen Einstellungen verbunden sein können. Für den Kinder- und Jugendschutz steht daher im Mittelpunkt, zu verstehen, unter welchen Bedingungen Jugendliche in gewaltorientierte Szenen geraten können und wie Fachkräfte sie frühzeitig schützen, unterstützen und wirksam begleiten können.
Fußballfans, Ultras und Hooligans unterscheiden
Zu Beginn ist eine differenzierte Betrachtung verschiedener Fangruppen wichtig. Fans unterstützen ihren Verein auf unterschiedliche Weise und sind nicht grundsätzlich mit Gewalt verbunden. Auch Ultras sind nicht pauschal als extremistisch oder gewalttätig zu betrachten. Sie unterstützen den Verein beispielsweise durch Fangesänge, Choreografien und andere Formen. Gleichzeitig können innerhalb einzelner Fangruppen Provokationen und Konflikte eine Rolle spielen. Hooliganismus bezeichnet hingegen eine gewaltorientierte Strömung innerhalb der Fußballfankultur, bei der körperliche Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gruppen eine zentrale Rolle spielen können. Die sogenannte „dritte Halbzeit“ beschreibt gewalttätige Auseinandersetzungen vor oder nach einem Spiel. Diese ereignen sich häufig außerhalb des Stadions. Für den Kinder- und Jugendschutz ist es deshalb wichtig, zwischen der Begeisterung für Fußball, aktiver Fankultur und einer tatsächlichen Gewaltorientierung zu unterscheiden. Entscheidend ist dabei nicht allein die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Fangruppe, sondern vor allem, welche Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe vermittelt und von Jugendlichen übernommen werden.
Warum können Fanszenen für Kinder und Jugendliche attraktiv sein?
Kinder und Jugendliche befinden sich in einer Entwicklungsphase der Identitätsfindung und stellen sich Fragen, wie „Wer bin ich?“ oder „Wohin gehöre ich?“. Gruppen können dabei Anerkennung und ein Zugehörigkeitsgefühl geben, z. B. durch gleiche Kleidung, Rituale, Fahrten zu Auswärtsspielen oder das gemeinsame Auftreten als Gruppe im Stadion. Auf diese Weise kann Fußball positive Erfahrungen ermöglichen. Problematisch wird es, wenn Gewalt oder Straftaten eine Rolle dabei spielen. Gewalt kann dabei als Abenteuer oder „Kick“ erlebt werden und auch das gemeinsame Erleben mit der Gruppe kann motivieren. Dadurch sinken oftmals Hemmschwellen gegenüber der Gewaltausübung. Abgesehen davon können Jugendliche durch Gruppendruck dazu gebracht werden, Dinge zu tun, die sie alleine möglicherweise nicht getan hätten. Wer dazugehören möchte, kann das Gefühl entwickeln, anderen in der Gruppe etwas beweisen zu müssen. Auch die Identitätsentwicklung spielt eine wichtige Rolle. Wenn Gewalt und Abwertung von gegnerischen Gruppen Bestandteil der eigenen Gruppenzugehörigkeit werden, kann es Jugendlichen schwerer fallen, sich von diesem Verhalten zu distanzieren.
Die Vorbildfunktion von Fans und Erwachsenen
Kinder und Jugendliche beobachten genau, wie Erwachsene mit Situationen wie Schiedsrichterentscheidungen oder Niederlagen umgehen. Deshalb haben Fans nicht nur Einfluss auf die Stimmung im Stadion, sondern müssen auch Vorbilder für jüngere Zuschauer sein. Wenn Fans zeigen, dass Emotionen und Leidenschaft mit Respekt verbunden sind, entsteht ein positives Beispiel für Kinder und Jugendliche. Zeigen Fans dagegen menschenfeindliche Äußerungen oder Gewalt, können jüngere Zuschauer dieses Verhalten als „normal“ empfinden. Das bedeutet nicht, dass Fans emotionslos und unkritisch sein sollen, sondern dass die Grenze zwischen Herabwürdigung oder Bedrohung und emotionaler Unterstützung deutlich sein sollte.
Verbale Gewalt, Menschenfeindlichkeit und Extremismus
Gewalt beginnt nicht erst beim Körperlichen. Auch Beleidigungen, menschenfeindliche Gesänge oder Provokationen können Konflikte auslösen. Gerade im Fußball können sich solche Situationen hochschaukeln, vor allem wenn sich Personen gegenseitig bestärken. Mit problematischen Inhalten werden Kinder und Jugendliche oft auch online konfrontiert. Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass 64% der Jugendlichen beleidigende Kommentare im Netz erlebt haben, 47% mit Hassbotschaften und 59% mit extremen politischen Ansichten in Kontakt gekommen sind. Die Studie bezieht sich zwar nicht speziell auf Fußballfans, verdeutlicht aber, wie häufig Jugendliche online mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Außerdem können gewaltorientierte Fangruppierungen Überschneidungen mit extremistischen Strukturen haben. Fachkräfte sollten deshalb auch rassistische, sexistische oder andere menschenfeindliche Äußerungen ernst nehmen und Jugendliche frühzeitig für die Folgen von Sprache, Ausgrenzung und Gewalt sensibilisieren. Dabei kann es hilfreich sein, auch die Kommunikation in sozialen Medien einzubeziehen und gemeinsam mit Jugendlichen zu reflektieren, wie sich Beleidigungen, Hass und menschenfeindliche Inhalte online verbreiten und welche Folgen sie für Betroffene haben können.
Fanprojekte und Kinderschutz als Teil der Prävention im Fußball
Fanprojekte und Kinderschutzkonzepte sind wichtige Bestandteile der Prävention im Fußball. Fanprojekte arbeiten direkt in der Lebenswelt junger Fußballfans und bieten freiwillige und vertrauensbasierte Unterstützung. Sie begleiten Jugendliche bei Heim- und Auswärtsspielen, bieten Beratung und Freizeitangebote an und können bei Konflikten zwischen Fans, Vereinen, Polizei und Sicherheitsdiensten vermitteln. Dabei steht nicht Kontrolle, sondern Vertrauen und die Förderung einer positiven Fankultur im Vordergrund. Auch in Sachsen-Anhalt gibt es entsprechende Angebote. Das „Fanprojekt Magdeburg“ begleitet junge Fans des 1. FC Magdeburg und bietet unter anderem Beratung und einen offenen Treff an. In Halle (Saale) unterstützt das „Fanprojekt für (H)alle“ junge Fans des Halleschen FC unter anderem in den Bereichen Gewaltprävention und Konfliktbewältigung. Damit bieten Fanprojekte wichtige Anlaufstellen für Jugendliche, die Gruppendruck oder problematische Entwicklungen erleben. Ergänzend schaffen Kinderschutzkonzepte in Stadien klare Zuständigkeiten, Ansprechpersonen und Handlungsmöglichkeiten, um Risiken wie körperliche und psychische Gewalt frühzeitig zu erkennen. Auch der 1. FC Magdeburg verfügt über ein Kinder- und Jugendschutzkonzept, das diese Bereiche berücksichtigt. Für Fachkräfte bedeutet Prävention, frühzeitig anzusetzen und die Lebenswelt der Jugendlichen ernst zu nehmen. Fußballinteresse und Fankultur sollten dabei nicht grundsätzlich problematisiert werden. Fachkräfte können mit Jugendlichen über Gruppenzugehörigkeit, Gruppendruck und Anerkennung sprechen, die Grenzen zwischen emotionaler Fankultur und Gewalt reflektieren sowie gewaltfreie Formen der Konfliktlösung aufzeigen. Bei Anzeichen von Gewaltorientierung oder extremistischen Einflüssen können Eltern, Fanprojekte und Beratungsstellen hinzugezogen werden. Wichtig ist, Jugendliche nicht allein aufgrund ihres Kleidungsstils, ihrer Fußballbegeisterung oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Fangruppe zu beurteilen. Entscheidend sind ihr tatsächliches Verhalten und ihre Einstellungen. Prävention sollte daher auf Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen Fanprojekten, Vereinen, Schulen, Jugendhilfe und Eltern setzen. Ziel ist es, Jugendliche in ihrer Selbstständigkeit, Konfliktfähigkeit und Zivilcourage zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass Gemeinschaft und Anerkennung auch ohne Gewalt möglich sind.
Eltern als wichtige Bezugspersonen
Auch Eltern können einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten. Jugendliche benötigen Erwachsene, mit denen sie offen über ihre Erfahrungen sprechen können, ohne sofort verurteilt oder beschimpft zu werden. Ein offenes Gespräch über Fußball, Freundschaften, Gruppenzugehörigkeit und Erlebnisse im Stadion kann deshalb ein wichtiger erster Schritt sein. Eltern sollten Interesse zeigen und gleichzeitig klare Grenzen gegenüber Gewalt, Bedrohungen und Menschenfeindlichkeit formulieren. Ein gemeinsamer Stadionbesuch kann beispielsweise zeigen, dass Fußballbegeisterung auch ohne Gewalt erlebt werden kann. Ebenso können Eltern gemeinsam mit Jugendlichen Nachrichten oder Informationsangebote zu Gewalt im Fußball anschauen. Anschließend können sie darüber sprechen, welche Folgen bestimmte Verhaltensweisen für Betroffene haben können. Wichtig ist dabei die eigene Vorbildfunktion. Erwachsene können Jugendlichen nicht glaubwürdig vermitteln, dass Beleidigungen und Gewalt falsch sind, wenn sie selbst gegnerische Fans oder Schiedsrichter regelmäßig beschimpfen. Auch Eltern und andere Bezugspersonen sollten deshalb vorleben, wie man mit Niederlagen, Frustration und Konflikten respektvoll umgeht.
Stand: 02.10.2026 | Autorin: Angelie Ahrendt | V.i.S.d.P.: Anna-Lisa Nikoleizig, Olaf Schütte
weitere Quellen:
https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/jugendkriminalitaet/gewalt-auf-der-strasse/hooligans/#panel-2491-4
https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36231/hooligans
